Mit den Kunsttagen Ende August eröffnet Basel die Saison, nachdem die Kunstszene ihre Batterien nach der Art-Woche über den langen Sommer wieder aufgeladen hat. Über sechzig Orte kooperierten zu diesem Auftakt mit Performances, Führungen und Eröffnungen… Drei Kunsträume, deren Ausstellungen einen Besuch auch nach den wuseligen Kunsttagen lohnen, werden hier kurz vorgestellt:
Den Off-Space Hebel_121 in einer ehemaligen Bäckerei könnte man zu den alteingesessenen zählen. Im Eckraum mit zwei grossen Fenstern gegen die Hebelstrasse und den St. Johanns-Ring zeigt die Künstlerin und Kuratorin Gerda Maise seit 1998 ein Programm, das nicht altert. Mit Isaak Altinyay (*2003) ist ein junger französischer Künstler und Sound Designer zu Gast. In TonBildTonBild verfolgt er in Musik und visuellen Raumarbeiten sein Projekt Lightning for the Specific Direction of the Mind – wobei er die sogenannte Ambient Music jeglicher Emotion entleert und, vereinfacht gesagt, vergleichbare Pattern mit unterschiedlicher Frequenz übereinanderlegt.
Damit greift Altinyay ein für die Ambient Music zentrales kompositorisches Prinzip auf, wie es Brian Eno seit den 1970er-Jahren geprägt hat: die Überlagerung sich wiederholender, aber nicht synchronisierter Strukturen. Visuell übersetzt, reichen die Formen in der Ausstellung von Malerei über Druck bis zu CD-Editionen und weisen Bezüge zu Konkreter Kunst auf. Das schafft wiederum eine interessante Verbindung zum Partner von Gerda Maise, dem Künstler Daniel Göttin, der bei der Installation einmal mehr wesentlich beteiligt ist.
For, dessen grosser, langer Raum sich in einer Nebengasse beim Claraplatz versteckt, hat sich seit der Gründung 2022 einen Namen gemacht und tritt mit klaren Ambitionen auf, inklusive begleitendem Magazin. Die aktuelle Gruppenschau Valuables kreist um Momente in einem alltäglichen, organisierten Seinszustand, in denen sich utopische Fantasien und Gefühle bewahren lassen. Die Werke sensibilisieren dabei eher für leichte Verschiebungen oder Öffnungen unserer Wahrnehmung, als dass sie revolutionäre Strategien entwerfen. Eine an de Chirico erinnernde, surreale Szenerie von Boris Rebetez zeigt eine unfertige Mauer, in welcher eine Öffnung einen Blick auf einen wolkigen Himmel suggeriert.
Bei Babette Walders Soft Fossiles werden Pflanzenteile aus Wolle zu Artefakten, die nicht verwelken, sondern in weichen Schaum gebettet daliegen. Was sonst vergeht, wird aufgehoben – auch im übertragenen Sinne. Pinke Piercings in den Objekten sorgen dabei für eine Irritation, die ihnen einerseits eine andere Körperlichkeit verleiht und andererseits auch auf queere Ästhetik anspielt. Daneben bricht ein weiches Kaninchenfell aus einem gesprengten Motorradhelm hervor und funktioniert als Link zu Natacha Donzé. Deren eigens für die Schau geschaffenes Gemäldepaar mass und deflected zeigt die braune Oberfläche eines Mistkäfers und überführt ihn in ein irisierendes Farbspiel von magischer Schönheit.
Der Ausstellungsraum Klingental ist 1974 aus einer Initiative von Kunstschaffenden hervorgegangen und kann in dieser Auswahl als der etablierteste Ort bezeichnet werden. In der aktuellen Schau Flowers Blooming From Our Crotches geht es noch expliziter um Gender-Themen. Schon der Ausstellungstext weist auf einen «erstarkenden antifeministischen und queerfeindlichen Backlash». Inka ter Haars Videoarbeit Father Figures 3 kreist um die unaufgearbeiteten Vaterbeziehungen von Exfreunden, die sich in Sucht und Gewalt manifestieren, um einen blutenden Phallus und um die Ähnlichkeit des männlichen Geschlechtsteils mit Waffen. Seit dem Schwert, spätestens aber seit den Kanonen und Feuerwaffen, sind diese symbolisch verbunden – eine Beziehung, die auch in kleinen umlaufenden Gemälden aufgenommen wird.
Die Themen Identität und Gewalt finden sich auch bei Maria Mayland in verschiedenen Formen. So wenn im Film A wideness, opening and closing von 2026 zwei trans* Autor*innen in losen Gesprächsfetzen über Themen wie queere Geschichte sprechen. In einem Blatt wie Isabel, 2025, wird die Gewalt der Gegenwart dann klar sichtbar, wenn der Name und das Herz vor einem pinken Hintergrund den blauen Apache-Helikopter nur teilweise überlagern kann. Dominik Geis verfolgt als dritte Position in seiner Videoarbeit Rhythm explizit die Inszenierung des männlichen Körpers und die Bedeutung der Wiederholung von Gesten und Körpertechniken bei der Fortschreibung eines (zerstörerischen) Rollenbildes.
Ob seit bald dreissig Jahren mit eigener Linie und nachbarschaftlich verankert, voll Energie im Epizentrum des Kleinbasels oder rundumerneuert und seit Jahrzehnten jung in alten Gemäuern: Die Kunsträume bilden die Substanz, aus der die Kunststadt Basel die Lebendigkeit ihrer Szene über das ganze Jahr schöpft!
Flowers blooming from our crotches, Inka ter Haar, Maria Mayland, Dominik Geis, Ausstellungsraum Klingenthal, bis 20.9.
Valuables, Natacha Donzé, Matthias Liechti, Boris Rebetez, Renée Steffen, Raphael Stucky, Li Tavor, Babette Walder, For, bis 31.10.
TonBildTonBildTonBild, Isaak Altinyay, Hebel 121, bis 10.10.
