Erst mit Verzögerung reagierte die Buchbranche auf Kunstformen wie Film, Video und Performance. Dies zeigte sich in der Art von Bildern, die genutzt werden, um mediale Eigenheiten zu vermitteln. Auf Stills folgten spätestens ab den 1990er-Jahren aufwändig produzierte DVD-Editionen mit Booklets, die dem zeitbasierten Charakter bestimmter Kunstformen Rechnung trugen und Video und Performance einer weiteren Öffentlichkeiten erschlossen. Die Performance Saga, 2007-2008, mit acht DVDs und Booklets, ist ein Beispiel. Sie ermöglicht es, die Performerinnen Carolee Schneemann, Valie Export und Martha Rosler über sich und ihre Arbeiten sprechen zu hören, und setzt diese in einen Kontext zur Schweizer Szene. Mit den Online-Medien ist in diese publizistische Entwicklung eine spürbare Dynamik gekommen. Sie offenbart Relationen zwischen dem Ephemerem und der Dokumentation. Sie erinnert daran, dass Dokumentation und Archivbildung bei ephemeren Kunstformen zusammengehören, und trägt dazu bei, dieses bis in die Konzeption von Arbeiten reichende Verhältnis im Denken zu verankern. Dazu gehört auch die Professionalisierung des Bewusstseins für das Verhältnis zwischen Bildern, Trägern und Copyright und eine Umverteilung der Bildrechte zwischen Kunstschaffenden, den Vermittelnden und Verwertungsgesellschaften.

Welche Handlungsräume in dieser Neuordnung für Akteur:innen im Bereich Performance-Kunst mit Fokus Schweiz selbst liegen können, zeigen zwei Publikationen in zwei ansprechenden Formaten. Sie sind zusammen mit dem Launch von zwei dazugehörigen Websites fast zwanzig Jahre nach der Performance Saga unter dem Obertitel Revolving Histories erschienen: Ein stattlicher, reich illustrierter Atlas samt Glossar mit hellgrünem Einband und ein handliches Lesebuch in einem fruchtigen Roséton. Zwei Bücher wie Geschwister, die gemeinschaftlich erarbeitet, und kollektiv herausgegeben wurden. Sie sind darin stark, wie sie die Mehrfachkompetenzen der langjährig praxiserprobten Herausgeber:innen grosszügig ausspielen; vor allem aber in deren Ansprechbarkeit und dialogischen Herangehensweise als Haltung und Methode. Dass keine Stimme überwiegt, ist Konzept. Im Atlas wird Performance Kunst Schweiz translokal vermessen, mit disziplinübergreifender Expertise von Wissensträger:innen aus allen Landesteilen kartografiert und über Texte erschlossen, von denen jeder einzelne die Lektüre in der Originalsprache sowie den Übersetzungen bis in die Fussnoten lohnt. Dorothea Rust merkt am Ende ihres Beitrags Zürcher Performance Bewegungen que(e)rgelesen an, dass «die Fussnoten ebenso wichtig sind wie der vorliegende Text, der eigentlich laut gelesen werden müsste, um zu erfahren, wie diese Reise in die ausgerollte Gegenwart als Gegenwart unserer Vergangenheit anklingt». Mit einem QR-Code hält das Buch alles bereit, was es dazu braucht. Die Entscheidung darüber ist jeder Person überlassen.

Das Lesebuch erweitert die Anschluss-Stellen souverän in die Felder teilnehmender Beobachtung sowie Theorie und Diskurs über Referenztexte wie Michael Hiltbrunners Wilde Archive oder dem Beitrag von Isabella Krayer zu Ansätzen von Sammlung- und Archivbildung im europäischen Kontext. Die Texte des Lesebuchs suchen die autorisierende Anerkennung nicht im akademischen Feld. Sie sind geschrieben, um gelesen zu werden, um sich mit unabhängigem Denken und Denkweisen vertraut zu machen.
Mit Revolving Histories wird Interessierten und Nachkommenden reiche Nahrung geboten, sich in eigenem Tempo zu informieren, und Zeit mit den Inhalten zu verbringen. Das Editorial macht keine Umwege. Fotos und Skizzen werden als Quellen genutzt, die strenge Linearität durch piktogrammähnliche Zeichnungen mit wegweisender Kraft unterbrochen. Wie zentral Workshops, Diskussionen und öffentliche Veranstaltungen waren, verdeutlichen Strichzeichnunungen von Situationen und Personen.
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich Performance-Kunst über Preise, Förderinstrumente und Ankäufe für private und öffentliche Sammlungen in der Schweiz weiter etabliert. Jetzt geht es darum, die Weichen zu stellen, damit dieses kulturelle Erbe als substantieller Teil der Schweizer Gegenwartskunst weiter relational erforscht und erschlossen wird. Die Grundlagen, um aktuelle Entwicklungen zu kontextualisieren, wurden gemeinschaftlich geschaffen. Sie sind da.
Atlas Revolving Histories (2026), zu translokaler Performance Kunst Schweiz, Hrsg.: Andrea Saemann, Chris Regn, Margarit von Büren, Muda Mathis, Sabine Gebhardt Fink, Lena Eriksson, 268 Seiten, 28 × 21,5 cm, Ausgabe in Deutsch oder Englisch und Französisch, Vexer Verlag 2026
Lesebuch Revolving Histories (2025), zu translokaler Performance Kunst Schweiz, Hrsg.: Andrea Saemann, Chris Regn, Sabine Gebhardt Fink,Margarit von Büren, Muda Mathis, Lena Eriksson, Ausgabe in Deutsch oder Englisch, Vexer Verlag 2025
Buchvernissage mit Präsentation der beiden Publikationen sowie dem Video Uuh Niki von Chris Regn und der Performance Archive in Progress von Andrea Saemann, Vexer Verlag Büro Berlin, 28.11., 18 Uhr
