Für diesen Sommer entwickelte Sève Favre (*1975, Sion) zwei Ausstellungen, welche die beiden historischen Anwesen kritisch in die Gegenwart weiterdenken. Sie fanden international Resonanz – von einem Symposium in Leeds bis zur DesignTO in Toronto. Dass ausgerechnet ein Projekt im näheren Umfeld ihres Ateliers in Puidoux bei Chexbres derart ausstrahlt, entbehrt nicht der Ironie. «Noch nie habe ich so nahe an meinem Atelier ausgestellt», sagt die Künstlerin lachend.
Favres Arbeitsweise unterscheidet sich von vielen anderen Interventionen in historischen Räumen. Sie benutzt das Ambiente weder als blosse Kulisse noch setzt sie auf den Gestus offensiver Dekonstruktion. Ihre Eingriffe bleiben zurückhaltend, beinahe höflich: Sie konkurrieren nicht mit den Räumen, sondern verschieben deren Wahrnehmung. Man kann ihnen folgen – oder einfach Möbel, Tapeten und Bibliotheken betrachten. Die neunzehn neuen Werke und Werkgruppen, von denen zwei die beiden Ausstellungen verbinden, tragen, angelehnt an die binominale Nomenklatur des Naturforschers Carl von Linné, lateinischen Doppelnamen. Der Ausgangspunkt waren florale Ornamente auf den Tapeten beider Schlösser. Darin entdeckte Favre Pflanzen, die einst als exotische Kostbarkeiten nach Europa gelangt waren, und entwickelte eine Recherche über botanische Sammlungen, koloniale Handelsnetze und die aufklärerische Obsession des Klassifizierens. So erzählen die Tapeten plötzlich nicht mehr nur von Dekorationsgeschichte, sondern von Warenströmen, Wissenschaftsbetrieb und Standesunterschieden.
Überheblichkeit und Rache
Hybris botanica («Botanische Überheblichkeit») im Schloss Oron untersucht die Voraussetzungen: Aristokratische Sammelleidenschaft, Expeditionen und die wissenschaftliche Hybris jener Männer, die Pflanzen neu benannten und lokales, oft von Frauen tradiertes Wissen übergingen. In Navis phantasmatis zeichnet sich im Vorhang eines Salons das Geisterschiff der Ostindien-Kompanie ab; aus ihm lösen sich Bänder mit Motiven von Pflanzen, die über solche Wege nach Europa kamen. Die aussergewöhnliche Bibliothek des Schlosses, die sämtliche zwischen 1789 und 1825 auf Französisch publizierten Romane und zahlreiche weitere Werke umfasst, wird selbst zum Ausstellungsobjekt. Bücher über Botanik und die Erforschung der Kontinente zeugen davon, wie rasch Wissen zusammengetragen, geordnet und vereinnahmt wurde. Dieser Hochmut wird konkret in Superbia botanica: Favre zeigt zwanzig Porträts von Naturforschern, die sie allerdings in Wehrgang und Estrich verbannt. Weiss auf Schwarz gezeichnet und teilweise ausgelöscht, werden ihre Gesichter von farbigen Ornamenten jener invasiven Pflanzen überlagert, mit denen ihre Namen bis heute verbunden sind.

Némésis végétale («Pflanzliche Rache») im Musée suisse du papier peint erzählt die Folgen. Pflanzen, die einst ihrer Schönheit oder Exotik wegen nach Europa kamen, gelten heute als invasiv – eine ökologische Konsequenz ihrer Verschickung. In Furiosa disseminatio wird die Ward’sche Kiste zum Bild dieser Ausbreitung: Aus einem heute selbst von IKEA angebotenen Miniaturgewächshaus spriessen zwischen Orchideen Bänder der Himalaya-Balsamine, einst erschwinglicher Orchideenersatz, heute eine invasive Pflanzensorte. Auch der chinesisch inspirierte Paravent Suctores invasivi stammt von IKEA. Einst exotische Formen sind längst ins globale Alltagsdesign eingewandert, ihre koloniale Vorgeschichte ist kaum mehr sichtbar. Bei Favre breitet sich farbiger Bambus vor bedrohten Schweizer Pflanzen aus. In der von der Künstlerin selbst geschaffenen Tapete Alienigena transformatus erfasst die Wucherung schliesslich das Ornament selbst: Motive der Kletterpflanze Kudzu ballen sich, bleichen aus und lassen schwarze Leerstellen entstehen.
Dabei romantisiert Favre das «Einheimische» nicht, ebensowenig wie sie invasive Arten verteufelt. Conflictus plantarum überträgt vielmehr eine alte Standesordnung auf die Pflanzenwelt: Geschützte Schweizer Arten erscheinen auf Geschirrtüchern, invasive auf schwarzen Servietten – nach der Redewendung «On ne mélange pas les torchons et les serviettes» (Man vermischt nicht Lumpen und Servietten). So wird die Wanderschaft der Pflanzen auch zu einem Bild gesellschaftlicher Hierarchien und Identitäten.
Machtgeschichte und Ästhetik
Ein Kennzeichen von Favres Arbeit bleibt die Interaktion. Schon früh entwickelte sie unter dem Begriff «Intervariactivity» – aus interaction, variation und activity – Gebilde aus kleinen Papierschachteln, die das Publikum öffnen und neu anordnen konnte. So bleiben auch ihre zwischen Figuration und Abstraktion oszillierenden Bilder veränderlich. Seit 2005 stellt sie aus, doch erst seit 2020 widmet sie sich ganz der Kunst; Von ihrer vormaligen Tätigkeit als Zeichenlehrerin blieben ihr die Offenheit gegenüber einfachen Materialien und der Wunsch, Entstehungsprozesse sichtbar zu machen. Auch in Mézières und Oron darf das Publikum eingreifen, Linnés Bild auf einem alten Spiegel weiter zerlegen oder eine Installation aus Luftpolsterfolie neu anordnen. die – wie wir gleichzeitig erfahren – aus einer reliefierten Tapete entwickelt wurde. Die Stärke des Doppelprojekts liegt darin, die europäische Klassengesellschaft – den damaligen «Rassismus», die Blutsgemeinschaft des Adels ab der Neuzeit (so die Historikerin Arlette Jouanna) – als Vorbereitung kolonialer Gewalt sichtbar zu machen.

Sève Favre reduziert den Kolonialismus jedoch nicht auf blosse innen- und aussereuropäische Machtgeschichte, sondern legt die menschlichen Triebkräfte offen, die dahinterstehen: Habgier, Neugier, der Wunsch nach Auszeichnung – Kräfte, denen sich niemand entziehen kann. In diesem Zusammenhang fragt sie auch nach den ästhetischen Voraussetzungen: Nach der Bedeutung des Ornaments, dem Reiz des Seltenen, dem Bedürfnis, sich mit Fremdem zu schmücken. Ihre Antwort sind fragile Materialien, präzise Recherche und die Schönheit der Pflanzen selbst – ihre erstaunlichen Geometrien und Zyklen. So wuchern die historischen Ordnungen der zwei Schlösser in unsere Gegenwart hinein.
Hybris botanica, Château d’Oron, bis 26.9.
Némésis végétale, Musée du Papier peint, Château de Mézières, bis 17.1.
